Freitag, 13. Oktober 2017

Leseprobe: Kaltgestellt

Leise kommt der Tod
Er ist noch nicht lange hier, vier Wochen sind es jetzt. Oder fünf? Er weiß es nicht. In der Enge einer Gefängniszelle verliert man schnell jedes Zeitgefühl. Vom Verlust der Zeit hatte er gehört, aber geglaubt, das könne nur labile Menschen treffen. Jetzt erlebt er es am eigenen Leib. Ist es die Enge oder die Einsamkeit? Er darf mit niemandem reden, selbst beim Hofgang, die eine Stunde, die ihm per Gesetz zusteht, ist er alleine. Bis auf die Gefangenen, die ihm durch die vergitterten Fenster zusehen und ihm anzügliche Bemerkungen zurufen. Kinderficker ist noch harmlos. Unter den Augen von sechzig oder achtzig Männern wie auf dem Präsentierteller einsame Runden zu drehen, ist erniedrigend. Da setzte er sich lieber abseits auf eine Bank an der Mauer weiter weg vom Zellentrakt. Oder er verzichtet ganz auf den Hofgang.
Freitags dröhnt der Ruf – Häftlinge antreten zum Duschen – durch das Hafthaus. Ein Schließer öffnet die Zellen und in Gruppen von acht bis zehn Gefangenen gehen sie duschen. Für ihn gilt das nicht, er duscht getrennt von den Anderen.
»Ist zu Ihrem Schutz«, antwortet der Schließer mürrisch, als der Häftling wissen will, weshalb das so ist. Justizbeamte werden Schließer genannt, weil sie am Gürtel viele Schlüssel tragen.
Das vergitterte Fenster seiner Zelle ist klein, etwa vierzig mal sechzig Zentimeter, nicht mehr als eine Dachluke. Wie spät es ist, weiß er nicht, sie haben ihm die Uhr bei der Festnahme abgenommen. Mitternacht scheint vorbei zu sein, der Mond steht hoch am Himmel. Das sieht er durch das Fenster.
In der Zelle herrscht Halbdunkel und ohne die Gitter zum Gang und am Fenster hätte er es als angenehm empfunden. Er liebt die Dunkelheit. Als Junge, so mit sieben oder acht, ist er nachts von zu Hause ausgerissen und alleine durch den nahen Wald gestromert. Da war kein Vater, nur die Nachttiere. Mäuse raschelten im Unterholz und gelegentlich störte er eine Eule, die sich laut protestierend in die Luft schwang. Es war der Ausläufer eines größeren Waldgebietes, von Gräben durchzogen, die im Frühling und Herbst voll Wasser standen. Wenn er spät nachmittags, nach den Schularbeiten, mit seinen Freunden durch den Wald stromerte, schreckten sie im dichten Unterholz Rehe auf, kleine Herden, sechs Tiere, selten mehr.
Die Deckenbeleuchtung im Gang brennt nur schwach. Ungewöhnlich ist das, sonst sind Gang und seine Zelle hell beleuchtet. Er blickt zur Kamera an der Zellendecke. Die Decke ist sehr hoch, vier Meter, keine Chance hinaufzuklettern und die Linse abzudecken. Warum auch, er hat nichts zu verbergen. Den Lebensabschnitt, in dem er brisante Geheimnisse mit sich herumtrug, hat er hinter sich.
Schlafen kann er nicht, er döst vor sich hin, denkt über sein Leben nach. Als die Polizei ihn festnahm, hatte er nicht einmal protestiert. Es war nur die logische Folge der Ereignisse. Wie die Nacht auf den Tag folgt.
Er schreckt hoch, etwas ist anders. In diesen wenigen Wochen hat er sich an die festen Abläufe der Justizvollzugsanstalt gewöhnt, geringfügige Änderungen fallen ihm sofort auf. Ein ungewohntes Geräusch, wie ein Schleifen auf dem Betonboden. Er steht auf und tritt an das eiserne Gitter zum Gang, drückte den Kopf dicht an die Gitterstäbe. Überrascht bemerkt er, dass die Gittertür nicht verschlossen ist. Einen Moment ist er in Versuchung, sie ganz aufzustoßen. Er unterlässt es, es bringt nichts. Bis zur Freiheit gibt es zu viele verschlossene Gitter. Auch die Tür der Nachbarzelle steht ein wenig auf.
Er legt sich auf die schmale Pritsche und taucht in seine Erinnerungen. Etwa zwei oder drei Uhr morgens muss es sein. Um diese Zeit kommt sein Vater zu ihm und obwohl das alles Jahrzehnte her ist, läuft es wie ein Film in seinem Kopf ab. Manchmal jede Nacht.
»Darf ich mich zu dir setzen?«, flüstert sein Vater und legt ihm die Hand auf den Kopf. »Ich habe dir etwas mitgebracht, Zimtschokolade, die isst du doch so gerne. Kannst du ruhig essen, Mama weiß nichts davon, das ist unser Geheimnis.«
Sein Vater setzt sich auf die Bettkante und reißt die Verpackung der Tafel auf, pult das Silberpapier ab.
»Möchtest du davon, mein Sohn?«
Er bricht ein Stück Schokolade ab und schiebt es dem Jungen zwischen die widerstrebenden Lippen.
Ein ungewöhnliches Geräusch aus der Nachbarzelle reißt ihn aus seinen quälenden Gedanken und er ist dankbar dafür. Jemand geht hin und her, nicht in Filzschuhen, wie die Gefangenen sie tragen müssen, sondern in Straßenschuhen mit harten Ledersohlen. Er horcht und plötzlich weiß er, weshalb ihn das irritiert. Nicht eine, zwei Personen sind es. Unverständliches Geflüster. Das Licht im Gang erlischt, nur schwaches Mondlicht erhellt die Zelle. Die Schritte verstummten.
Vor seiner Zellentür sieht er Licht von einer Taschenlampe, mehrere Schatten. Die Tür seiner Zelle schwingt knarrend auf und sie kommen herein, drücken ihn auf die Liege, pressen ihm ein stinkendes Tuch auf den Mund, hindern ihn daran zu schreien. Er spürt einen harten Gegenstand am Hals, ein elektrischer Schlag durchzuckt ihn und er kann sich nicht mehr bewegen. Sie reißen ihn von der Pritsche hoch und schleifen ihn über den Boden. Er spürt, wie sich seine Blase entleert.


Der Flüchtling
der lange Weg ***
Der Mond hing als helle Scheibe am Himmel und verbreitete ein diffuses Licht. Das machte es dem Mann leichter, den Weg zu finden. Vor sich sah er Lichter, hörte Motorenlärm, eine Straße. Mit hoher Geschwindigkeit fuhren Autos vorbei. Sein Hals war staubtrocken, der Durst drohte, ihn umzubringen. Er hustete stoßend. Vor Tagen hatte er seine Wasserflasche verloren, als er vor einem Hund blindlings davongerannt war. Das Tier sprang an ihm hoch, schnappte nach ihm und heißer, übel riechender Atem fuhr ihm ins Gesicht. Im Laufen schlug er mit seinem Stock nach ihm. Nur weg. Blieb er stehen, erwischte ihn der Mann, dem der Hund gehörte. Er hatte sich in einen Stall geschlichen und aus dem Wassertrog getrunken, aus dem die Kühe tranken. Nicht nur getrunken, er hatte den Kopf unter Wasser getaucht und das kühle Nass gierig in sich aufgesogen. Herrliches klares Wasser. Als der Hund ihn von hinten ansprang, war er losgerannt, raus aus dem Stall, weg vom Hof, den hechelnden Hund auf den Fersen.
Er wusste nicht, wann er das letzte Mal fest geschlafen hatte, nicht nur im Halbschlaf eingenickt, jederzeit bereit aufzuspringen und loszustürmen. Wann er etwas gegessen hatte, was er nicht in einem Abfalleimer gefunden hatte, klares Wasser getrunken, keine stinkende Brühe.
Er hatte kein Ziel, nicht mal ein unklares, nicht mal eine Vision. Hunger tötet Visionen. Er bewegte sich im Zickzack, immer bemüht, fremden Menschen auszuweichen und in einem Abfalleimer eine Tüte mit etwas Essbarem zu finden. Dreimal war er gegen Mitternacht an der Wegkreuzung gewesen und hatte neben der steinernen Säule mit dem Jesus-Kreuz gewartet, wie der Imam ihm aufgetragen hatte. Niemand kam, hatte ihm eine Schlafstelle angeboten und so viel Wasser, dass es für ein durstiges Kamel gereicht hätte. Der Imam hatte ihm keine Telefonnummer gegeben. »Zu gefährlich«, hatte er gesagt, »hinterlege eine Nachricht am Wegkreuz, das ist unser Briefkasten. Ein Fetzen Papier unter einem Stein, damit es nicht wegweht. Ich komme regelmäßig vorbei.«
An die steinerne Säule des Wegkreuzes gelehnt war er eingeschlafen und erst in der Morgendämmerung erwacht, als ihm Eiseskälte in die Knochen kroch. In seiner Verzweiflung versuchte er, den Mann in Damaskus anzurufen. Es dauerte lange, bis er eine Stimme hörte: »Marhaba … ich …«
Damit brach die Verbindung ab und die Anzeige auf seinem Handy zeigte, dass die Batterie leer war.
Am Tage schlief er auf der nackten Erde zwischen niedrigen Sträuchern und Unterholz im Wald oder in einer Ackerfurche, die er mit bloßen Händen tiefer kratzte. In einem Garten neben einem Haus hatte er einen Trainingsanzug und eine Wolldecke von einer Wäscheleine gestohlen. Nachts wickelte er sich in die Decke und redete sich ein, er wäre unsichtbar. In seiner Heimat traf man sich abends auf dem Markt und ein alter Mann mit langem Bart erzählte in eintönigem Singsang und bedeutungsvollen Handbewegungen fantastische Geschichten aus längst vergangenen Zeiten, von Zauberern, die sich mit Tarnkappen unsichtbar machten, von Menschen, die auf Teppichen vor allem Unheil dieser Welt flüchten konnte.
War gutes Wetter und er sah in der Frühe die Sonne aufgehen, dann setzte er sich im Schneidersitz auf den Boden und starrte in die grelle Scheibe, bis er nichts sah außer Sanddünen und grünen Oasen. Dann war er an die Ausflüge in die Wüste erinnert, als sein Vater noch lebte. Eine Autostunde oder mehr entfernt von Damaskus hatten sie auf einer Düne Decken ausgebreitet, den raschelnden Skorpionen und scheuen Fenneks zugesehen, den Geräuschen der Wüste gelauscht. Wenn der Wind den Sand von den Dünen in die Mulden wehte, gab es ein melodisch singendes Geräusch.
»Hört ihr? Das sind Dschinn, die Geister der Wüste«, sagte sein Vater. Immer dieselben Worte. »Sie sind aus rauchlosem Feuer erschaffen. Man muss in die Wüste gehen, will man sie hören. Sie sind sehr scheu, verstecken sich vor uns.«
Sein Vater erzählte dieselben Geschichten, wie auch die Märchenerzähler auf den Märkten und in den vom Kif-Dunst durchtränkten Cafés in den schattigen Gassen der Altstadt von Damaskus. Seine kleine Schwester Amina saß neben ihm und hörte dem Vater andächtig mit offenem Mund zu. Mutter lächelte dazu. Er hatte sie nur lächelnd in Erinnerung. »Ihr habt Hunger, esst und trinkt, das vertreibt die Dschinn«, sagte sie, wenn sein Vater von fliegenden Teppichen redete, als sei er selbst geflogen, hätte von oben auf die Umayyaden-Moschee geblickt. Von Messinglampen redete er, die man nur reiben musste, dann hatte man Wünsche an das Leben frei. Oder von großen Schuhen mit gebogenen Spitzen, in denen man sich drehte und sich überall hinwünschen konnte.
Vor Tagen war er gegen Morgen erschöpft in einem Weizenfeld eingeschlafen. Vormittags kam ein Arbeiter auf einem Traktor und besprühte das Feld mit einem übel riechend feuchten Nebel. Wo er herkam, ließ man die Früchte auf den kargen Feldern wachsen, wie es Gott gefiel. Manchmal waren die Ernten gut, manchmal schlecht. Insha’Allah.
Wo er herkam – wo war das? Er dachte an seine beiden Brüder, seine Schwester Amina, zerfetzt in einer grellen Explosion. Nicht einmal Körperteile für eine gottgefällige Beerdigung waren ihnen geblieben. Als es dazu kam, war sein Vater Jahre tot. Seine Mutter war nach New York gegangen. Ich hole dich in ein besseres Leben, sobald ich kann – sagte sie, bevor sie wegging. Er wartete lange auf eine Nachricht. Dann ging er nach Norden, weil er den täglichen Terror, die Bombenexplosionen nicht mehr ertrug.
Er kam nach Aleppo, aber dort war es noch schlimmer als in Damaskus. Er ging in östlicher Richtung, immer entlang der Grenze, suchte eine Stelle, wo er unbeobachtet von Soldaten in die Türkei wechseln konnte. Nach Wochen Fußmarsch in der Nähe der Stadt Dscharabulus, nicht weit vom Euphrat, traf er Männer, deren Geschäft es war, Flüchtlinge über die Grenze zu schleusen.
»Ich will da rüber«, sagte er großspurig zu dem Anführer und zeigte auf den Fluss.
»Wie heißt du?«, fragte der.
»Hashim.«
»Hast du Geld?«
»Achtundvierzig amerikanische Dollar.« Viel Geld in einem Land, wo die syrische Lira nur bunt bedruckte Fetzen Papier war.
Sie lachten, stießen ihn voller Verachtung zu Boden, sagten, für das Geld könne er sich einmal richtig satt fressen und mit dem Rest eine Qahba bezahlen. An der Grenze gäbe es genug vulgäre Frauen. Befriedigt und satt solle er dann in den Euphrat springen und sich ersäufen. Das wäre die einzige sinnvolle Erlösung von seinem verpfuschten Leben.
Ein Junge stand in einiger Entfernung und hörte neugierig dem Gespräch zu. Abgemagert wie er war, sah er aus wie zwölf. Er folgte Hashim, als der sich aufgerappelt hatte und frustriert weiterging. »Gib mir das Geld, ich bring dich in die Türkei«, sagte der Junge, als sie außer Hörweite der professionellen Schleuser waren.
Am Tag danach war Hashim zwanzig Kilometer hinter der Grenze in der Türkei. Er hatte fürchterlichen Hunger, aber er fühlte sich ein Stückchen freier. Drei Tage später wollten ihn zwei türkische Polizisten in einem kleinen Ort ins Gefängnis stecken, weil er auf dem Marktplatz ein Fladenbrot gestohlen hatte. In den Zellen des Polizeireviers war auch mit rüder Gewalt kein Platz mehr für einen halb verhungerten Syrer und sie verprügelten ihn nur ausgiebig. Hashim fühlte sich ein bisschen weniger frei, als er einige Zeit später mit blutig zerschlagenem Gesicht und schmerzenden Genitalien in einem Straßengraben inmitten von Brennnesselbüschen zu sich kam.

Schwere Lastzüge donnerten mit dröhnenden Motoren in unmittelbarer Nähe vorbei. Zwischen Hashim und der Straße war ein Erdwall, vier bis fünf Meter hoch. Auf der Kuppe wuchsen niedrige Büsche. Er kroch den Hügel hoch, sah vorsichtig hinüber. Niemand. Kein Mensch weit und breit, kein Hund. Hunde sind unrein, man darf sie nicht anfassen. Der Hund, der ihn verfolgt hatte, war so dicht an ihm gewesen, dass er sich reinigen musste. Erst in Sicherheit bringen, er hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Für eine Reinigung, wie sie der Koran vorschreibt, war keine Zeit.
Die Autos auf der Autobahn unter ihm fuhren schnell und dicht hintereinander. Er musste warten, bis der starke Verkehr nachließ, dann konnte er gefahrlos die Autobahn überqueren. Ab Mitternacht bis in den frühen Morgenstunden fuhren wenig Autos. Die Menschen in diesem Land lagen nachts in ihren Betten und schliefen, das hatte er auf seiner langen Flucht gelernt. Er zog seinen Beutel heran und bettete den Kopf darauf. Trotz des Lärms der vorbei donnernden Fahrzeuge war er augenblicklich eingeschlafen.
Flucht ***
Aus dem Flüchtlingslager zu entkommen, war einfach gewesen. Hashim hatte eine Weile zugesehen, wie die anderen es versuchten und wie man sie wieder einfing und zurückbrachte. Einer war durch die Pforte an den Leuten vom Sicherheitsdienst vorbei gerannt und über die Straße Richtung Stadt. Sein Asylantrag war abgelehnt worden, von Abschiebehaft war die Rede.
Drei Leute von der Security waren gemächlich in das Auto gestiegen, das wie immer direkt vor dem Eingang parkte. Sie waren dem Mann hinterher und in gleichem Tempo neben ihm gefahren, und der auf dem Beifahrersitz hatte die Tür aufgestoßen und dem Flüchtenden ins Kreuz gerammt. Der taumelte, stolperte und landete kopfüber im Graben neben der Straße.
Zehn Minuten später fuhren sie auf den Hof und der Mann musste aussteigen. Sie waren nicht grob zu ihm, lachten, redeten ihm gut zu, einer klopfte ihm auf die Schulter, als wären sie die besten Kumpel. Sie hatten ihm die Arme an den Handgelenken mit Kabelbindern auf den Rücken gefesselt und das passte nicht zu dem herzlichen Getue. Die Plastikschlingen sind gemeine Folterwerkzeuge. Sie werden so eng wie möglich angelegt, und man wehrt sich nicht dagegen, weil die Schlingen tief in die Haut einschneiden. Wenn man rumzappelt, tropft Blut von Handgelenken und Fingern auf den Boden. Hat man Pech, werden die Sehnen am Daumen durchtrennt. Aber das kommt selten vor, weil es höllisch schmerzt und dann hören die Gefesselten freiwillig auf herumzuzerren. Nur wenn sie durchdrehen, mit den Füßen nach den Leuten von der Security treten oder mit dem Kopf gegen die Wand rennen. Verletzen sie sich dabei, dann ist das ein wirksames Mittel gegen die Abschiebung, weil sie dann im Krankenhaus landen, nur vorübergehend. Fragt sich, ob das Leben mit demolierten Handgelenken und ohne Daumen lebenswert ist.
Der Mann, der weggerannt war und dem sie die Arme auf den Rücken gedreht hatten, war Afghane. Issa war sein Name. Sie hatten ihm freundlich auf Deutsch zugeredet, was der mit Sicherheit nicht verstand, er war erst zwei Monate oder so in Deutschland. Er sprach gut Englisch, aber das verstanden die von der Security nicht. Sie sperrten ihn in den Raum mit den vergitterten Fenstern ganz hinten am Gangende. Eine Stunde später kam ein grüner VW-Bus mit schlitzförmigen Fenstern und sie holten ihn ab. Hashim fragte einen von der Security, Yussef hieß er, wie es jetzt weiter ginge. Sie nannten Yussef nur der Ägypter, obwohl er Iraker war. Wo sie den Mann hinbrächten und ob sie ihn erschießen würden. Yussef lachte und sagte: »Nein, das bestimmt nicht. Erst eine Dusche, das machen die Deutschen immer, weil sie Angst vor Bakterien und Viren haben, die angeblich jeder Flüchtling mit sich herumschleppt. Er kriegt was zu Essen, damit er Deutschland in guter Erinnerung behält und dann Abschiebehaft. In zwei Wochen oder so sitzt er in einem Truppentransporter der Bundeswehr und bald ist er wieder bei seiner Familie in Kabul. Oder bei den Leuten, vor denen er abgehauen ist, und die hängen ihn auf.«
Im christlichen Abendland ist man fälschlicherweise der Meinung, der moslemische Glaube vereine alle Araber, aber das stimmt nicht. Wie ja auch der christliche Glaube nicht alle Christen eint. Die Iraker mögen die Syrer nicht, die Syrer nicht die Iraner und die Iraker auch nicht. Die Saudis mag niemand, aber man lässt es sie nicht fühlen, denn sie sitzen auf dem Öl und haben viel Geld. Die Ägypter sind allesamt Scheißkerle und deshalb wird jeder Araber einen anderen Araber Ägypter nennen, wenn er ihn für einen Scheißkerl hält, egal ob er in Wahrheit Syrer oder was auch immer ist. Die Jordanier und Libanesen sind nicht so viele, die zählen nicht. Die Palästinenser sind generell unbeliebt, denn allein ihre Existenz schafft Probleme. Mit Ausnahme bei den Saudis. Bei denen sind sie beliebt, weil sie in den Banken und Firmen das mittlere Management stellen, die Arbeit erledigen, und den Laden in Schwung halten. Die Besitzer der Firmen, ausnahmslos Saudis, können sich in Ruhe zurücklehnen und von der Mühe ausruhen, die es mit sich bringt, so viel Geld zu verdienen.

Hashims wichtigster Besitz war sein Handy, er würde sein Leben riskieren, wollte man es ihm wegnehmen. Mehrmals hatte er mit Freunden in Damaskus telefoniert und die luden ihm seine SIM-Karte auf. Sie sagten ihm, wo er hingehen müsse, wenn er erst mal draußen war. Er soll nur darauf achten, die Batterie seines Handys rechtzeitig aufzuladen. An eine Steckdose würde er einige Tage nicht kommen, wenn er erst mal aus dem Flüchtlingsheim raus war. Jeden Tag in der Frühe, wenn alle in der Turnhalle noch schliefen, hängte er sein Handy ans Netz und hoffte, die Batterie würde das lange mitmachen. Funktionierte sie nicht mehr, war er gescheitert.
Hashim beobachtete die Fluchtversuche der anderen Flüchtlinge. So ungefähr jeden zweiten Tag versuchte einer abzuhauen. Sie scheiterten alle, und jedes Mal, wenn sie einen zurückbrachten, dachte er: Du musst schlau sein, so dumm wie der darfst du dich nicht anstellen. Dann kapierte er – es war ganz einfach. Alle drei Tage kam die Müllabfuhr und herrschte ein großes Durcheinander an der Pforte, weil der Wagen sehr breit war, und sie beide Flügel des Gittertores weit öffnen mussten. Die Männer holten die Mülltonnen vom Hof und brachten sie geleert zurück und als der Wagen durch die Pforte fuhr, war Hashim ganz langsam neben dem Wagen auf die Straße gegangen. Nicht rennen, freundlich lächeln, wenn jemand herübersah, ihm zuwinken, das war das Geheimnis. Hastige Bewegungen lösten so etwas wie einen Jagdreflex bei den Männern von der Security aus, und sie hielten sofort Kabelbinder in der Hand.
Langsam ging er weiter, hielt sich dich neben dem Müllwagen, dass der Qualm aus dem Auspuff ihn zu ersticken drohte. Auf dem Rücken trug er einen Stoffbeutel mit seinen wenigen Sachen und etwas Brot, das er bei der Essensausgabe zusätzlich genommen und versteckt hatte. Er hatte lange gesammelt und die Brotkanten waren steinhart. Das war nicht wichtig, nicht lange und er würde im Paradies leben.
Geld hatte er nicht, aber er wusste, wo der Imam wohnte und der würde ihm helfen. Das hatte ihm der letzte Anrufer aus Damaskus gesagt. Der Imam würde ihm auch sagen, wo er jeden dritten Tag ab Mitternacht eine Stunde warten sollte, bis man ihn abholte.
Jetzt war er frei, aus dem Heim abgehauen, wo er regelmäßig Essen und Wasser bekam und wo er duschen konnte. Einen Fehler hatte er gemacht, weil er es so eilig hatte. »Du bist zehn Tage zu früh, mein Sohn«, hatte der Imam gesagt. »Ich kann dich nicht verstecken, man beobachtet mich. Du musst dich alleine durchschlagen. Aber du bist nicht alleine, Allah ist mit dir, er hält seine schützende Hand über dich, weil du ein getreuer Gefolgsmann unserer Sache bist.«
Hashim hatte große Mühe, dem Imam Geduld zu beweisen. Die Freiheit war eine fremde Welt, kalt, es nieselte, der Himmel lastete wie eine graue Grabsteinplatte über der Stadt. Aus Respekt hatte Hashim den heiligen Mann nicht gefragt, was diese geheimnisvolle Sache war, von der er immer wieder sprach. Und weil er es nicht wusste, glaubte er, es habe mit Mohammed, dem Propheten zu tun. Insha’Allah.

Hashim Haddad schreckte hoch. Nicht von schrillen Geräuschen, sondern von einer beängstigenden Stille. Die Autobahn war wie ein langer dunkler Schlauch, bis zum Horizont kein Fahrzeug. Sternenklare Nacht. Der Mond stand hoch, ein mildes, milchiges Licht. Mitternacht musste vorbei sein, genau wusste er es nicht, er hatte keine Uhr. Ein Grenzschützer von eigenen Gnaden hatte sie ihm vor Monaten abgenommen.
Auf der anderen Seite der Autobahn sah er schwach flackernde Lichter. Da musste ein Dorf oder eine Stadt sein. Vielleicht nur ein größeres Bauerngehöft. Er schnallte sich den Beutel auf den Rücken und rutschte vorsichtig den Erdwall zur Straße hinab. An der metallenen Planke blieb er stehen, sah in beide Fahrtrichtungen. Nichts. Er hob ein Bein und schob sich über die Leitplanke, verharrte einen Moment, lauschte. Eilig ging er über die Fahrbahn bis zum Mittelstreifen, sah witternd wie ein Tier nach rechts und links, kletterte hastig über die eiserne Planke und rannte über die Fahrbahn. Auch auf dieser Seite gab es einen Wall. Er kletterte hoch und streckte vorsichtig den Kopf über die Kuppe. Niemand. Mühsam raffte er sich auf und ging auf die Lichter zu. Sie waren weiter entfernt, als er geglaubt hatte. Um ihn herum drehte sich plötzlich alles, vor Hunger wurde ihm übel. Er musste sich einen Moment auf den Boden setzen und ausruhen.
Endlich erreichte er eine Straße. Er folgte ihr, hoffte inständig, sie führte ins Zentrum. Die Hinweisschilder konnte er nicht lesen, die lateinischen Buchstaben waren ihm fremd. Er kam zu einem großen Parkplatz mit wenig geparkten Autos. Abfallkörbe hingen an Stangen um den Platz herum. Er lief zu einem Korb, griff hinein und tastete im Dunkeln nach etwas Weichem, Fettigem. In einem Papierkorb fand er eine zusammengeknüllte Tüte. Er zog sie heraus und zerrte sie mit fahrigen Fingern auseinander. Ein paar zermatschte Pommes frites. Gierig schob er sich die Reste in den Mund, leckte das Fett vom Papier. Er durchsuchte die anderen Körbe. In zwei Körben fand er noch etwas – ein angebissenes Brötchen und noch eine Tüte mit Resten von Pommes frites. Dazu ein besonderer Schatz – eine fast leere Plastikflasche. Hastig trank er den Rest Wasser, verstaute die Flasche in seinen Beutel. Er würde sie an einem Springbrunnen füllen.
der Afghane ***
Zwei Tage nach Überführung des Afghanen aus dem Flüchtlingsheim in eine Justizvollzugsanstalt zur Vorbereitung der Abschiebung kam eine Frau ins Heim. Was der Issa so für ein Mensch war, wollte sie wissen, was er erzählt hatte. Sie war von der Gruppe der Helfer, die mit den Flüchtlingen zu den Ämtern gingen oder zum Arzt. Zahnarztbesuche konnten zum Drama werden, wenn ein Flüchtling Zahnschmerzen bekam und eine geschwollene Backe hatte. Da war keine Zeit, die vielen Formulare zu beschaffen, die der Arzt brauchte, wollte er sich an die Vorschriften halten und korrekt abrechnen. Da musste sofort gebohrt werden und manche Ärzte taten das nicht, weil sie keinen Ärger bekommen wollten.
Die Frau von der Flüchtlingshilfe interessierte sich für Issas Geschichte. Die anderen Flüchtlinge erzählten ihr, was sie von Issa wussten. Warum Issa ausgerechnet nach Deutschland gekommen war, wollte sie wissen, und warum er aus Afghanistan geflüchtet war. Issa stammte aus einem kleinen Dorf nahe Kabul, das hatte er erzählt. Sein Vater war tot, erschossen vom Dorfältesten. Dessen Name war Ata-ur-Rahman, aber so nannte ihn niemand im Dorf, er war der Pascha. Der nannte sich selbst großspurig Warlord, den Begriff hatte er wohl irgendwo aufgeschnappt. Man konnte gegen den Mann nicht viel unternehmen, er beherrschte das Dorf, alle Bewohner, die Felder und Ernteerträge. Sie mussten ihm regelmäßig von den Ernten abgeben. Er bestimmte, was sie in Kabul auf den Märkten verkaufen sollten und wie viel sie von dem Geld behalten durften. Er legte fest, welche Felder für den Mohnanbau reserviert blieben. Sobald die Mohnkapseln reif waren, kamen seine Söhne aus Kabul. Sie ritzten die Kapseln mit einem scharfen Messer und entzogen ihnen den Saft, melken nannten sie das. Aus dem Saft stellten sie das Rohopium her. Das verkaufte der Pascha an Aufkäufer aus dem Kaukasus oder aus Amerika. Die Bauern sahen nichts vom Erlös.
Der Pascha hatte noch eine andere Geldquelle. Die Familien mussten immer wieder Söhne, auch Mädchen, wenn sie kräftig genug waren, an den Pascha abtreten und der verkaufte sie an die Taliban. Sie waren zwölf bis fünfzehn Jahre alt. Bei den Taliban lernten sie Autofahren, was sie brauchten, um ein Auto fünfhundert Meter weit zu fahren, wie sie den Zünder auslösten, was sie sonst noch in ihrem kurzen Dasein als Selbstmordattentäter wissen mussten. Die Kinder steuerten mit Sprengstoff beladene Autos neben die Soldaten der ISAF und sprengten sie in die Luft. Manche Kinder brachten sie auch nach Kabul oder in eine Provinzhauptstadt und ließen sie Bomben neben den Polizeistationen der Regierungstruppen in die Luft jagen.
Die Eltern wussten, was mit ihren Kindern passierte. Der Pascha sagte, das sei alles nicht schlimm, im Gegenteil, sie kämen auf geradem Weg direkt ins Paradies, wo nur Milch und Honig fließt. Wehrte sich ein Vater oder eine Mutter, ließ der Pascha vorsichtshalber die ganze Familie umbringen, damit in den Dörfern nicht so viel getuschelt wurde.
Der Pascha hatte Issas Vater erschossen, weil er Issas Mutter zum Vergnügen wollte. Nach einiger Zeit verlor er den Spaß an ihr, sie war schwanger geworden. Er nahm dann Issas älteste Schwester.
Wenn Issa erzählte, verlangter er immer ein Blatt Papier und einen Stift. Während er redete, zeichnete er das Dorf, die Hütten, die Berge und Felder, die Wege durch das Dorf. Die Menschen waren Strichmännchen. Seine Schwestern zeichnete er immer mit Kopftuch, weil sich das so gehörte. Von seinen Schwestern und seiner Mutter redete er sehr leise, man verstand ihn kaum. Mit jedem gemurmelten Wort zog er einen Strich oder einen Kreis oder Kringel, das war seine Sprache. Er sprach dann auch nicht mehr Englisch, sondern Paschtun und das verstanden die Männer aus dem Irak, Libyen und Somalia nicht, sie sprachen außer Arabisch nur Englisch. Die Strichmännchen auf dem Papier, seine Kringel und Pfeile, die Melodie seiner Worte, das war seine Sprache und sie verstanden ihn.
Issa brach in ein Lagerhaus ein, stahl dem Dorfältesten, dem Pascha, eine größere Menge Rohopium und tauschte es in der Stadt auf dem Markt gegen zwei Gewehre und Munition. Die Gewehre stellten findige Handwerker aus den Auspuffrohren der Buicks her. In Afghanistan gab es viele unterschiedliche Autotypen, die Auspuffrohre der Buicks waren am besten geeignet. Man konnte nicht oft damit schießen, sie verformten sich in der Hitze des explodierenden Pulvers und taugten dann nur noch als Prügel. Hatte der Schütze Pech, explodierte das Rohr und riss ihm das Gesicht weg. Die Männer benutzten die Gewehre zum Schutz gegen die Wölfe.
Issa kritzelte mit feinen Strichen die Berge und die Wölfe, seine Mutter und Schwester. Er wusste auch, wie ein Auspuffrohr aussah, bevor man es zu einem Gewehr umbaut. Er zeichnete den Pascha, eine monströse Figur mit einem enorm großen Kopf, langem Bart und sackähnlichem Burnus. Der Pascha wurde in den Zeichnungen immer größer und bedrohlicher, so hoch wie die Berge.
Der Pascha, der sich selbstherrlich Warlord nannte, vermutlich wusste er nicht mal, was das ursprünglich bedeutete, war eine größere Plage als alle Wölfe der Berge zusammen. Issa war egal, wie oft er mit den Gewehren schießen konnte, ein richtig angesetzter Schuss reichte, den Pascha zum Sheitan zu schicken.
Issa wollte sich erst mit einem Mann verbünden, dem der Pascha die älteste Tochter weggenommen hatte. Das ließ er dann. Gerade rechtzeitig hatte er erfahren, dass der Pascha dem Vater nachträglich für die Tochter einen geringen Teil der Opiumernte überließ und das genügte dem Vater. Einige Zeit später, bei der nächsten Opiumernte, schlossen sie den gleichen Handel mit der jüngsten Tochter. Der Pascha nahm die Tochter nicht mit Gewalt, der Vater erledigte das für ihn. Es war ein Handel, er bekam ja Opium für das Mädchen.
Issa lud beide Gewehre und obwohl er wusste, dass man die Schießprügel nicht so oft abschießen sollte, wollte er einen Test machen. Er ging in die Berge, wo er unbeobachtet war, und schoss mehrmals auf einen Baum. Bei fünf Meter Entfernung zerfetzte er mit einem Schuss die Borke und einen Großteil des Stammes, auch bei zehn Meter splitterte noch das Holz. Eine größere Entfernung versuchte er nicht, er wollte aus drei, höchstens vier Metern schießen.
Er lauerte dem Pascha an einer Stelle am Weg auf, wo der immer vorbeifuhr, wenn er mit seinem Maultiergespann aus Kabul zurück ins Dorf kam. Beim ersten Schuss platzte Issa der Lauf des Gewehres, die Metallsplitter zischten heiß an seinem Gesicht vorbei. Der Pascha sah ihn verdutzt, eher belustigt an. Er lachte schallend, weil er nichts von Issas zweitem Gewehr hinter einem Busch wusste. Issa sprang in einem langen Satz zu dem Busch, riss das Gewehr hoch und feuerte. Obwohl das Gewehr breit streute, die Schrotkugeln krachten wie eine Wolke aus Blei aus dem Gewehrlauf, verfehlte er in seiner Wut den Pascha um mehr als einen Meter.
Der Pascha stieg gemächlich von seinem Wagen, kam auf Issa zu, zog im Gehen eine Pistole aus dem Gürtel. Wer war er und wer war dieser halbwüchsige Bengel da vor ihm, mag er gedacht haben.
Issa packte das Gewehr am Lauf, rammte dem Warlord den Kolben zwischen die Beine. Der sackte mit wimmerndem Stöhnen auf die Knie, was günstig war, weil er jetzt nicht mehr so viel größer war als Issa. Der schwang das Gewehr hoch über den Kopf und hämmerte es dem Pascha über den Schädel. Das gab ein Geräusch wie das Knacken dünner Äste, wenn man drauf tritt. Der Mund des Paschas formte sich zu einem O, als wollte er einen Schrei ausstoßen. Nur ein Ächzen drang aus dem O-förmigen Mund. Blut spritzte ihm aus Nase und Ohren, er fiel vornüber, und Issa hämmerte ihm das Gewehr auf den Kopf, wieder und wieder. Er hörte erst auf, als der Kopf des Paschas nur noch eine blutig graue Masse war.
Das Maultier vor dem Wagen stand geduldig daneben, knabberte vom spärlichen Gras am Wegrand und ignorierte das gewaltsame Ende seines Besitzers. Issa wuchtete die Leiche des Paschas auf den Wagen und kutschierte zurück ins Dorf, im festen Glauben, alle müssten froh sein. Er hatte den verhassten Dorfältesten in die Hölle geschickt und sie würden ihn als Held feiern.
Seltsamerweise waren die Dorfbewohner Issa nicht dankbar. Sie nannten ihn einen Mörder, der einen verehrungswürdigen Anführer der Taliban erschlagen hatte, einen Mann, der vor vielen Jahren gegen die Sowjets gekämpft hatte und jetzt gegen die Amerikaner, der so unendlich viel für das Dorf getan hatte.
»Wir werden dich aufhängen, du bist es nicht wert, länger mit uns zu leben«, verkündete einer lautstark, der sich als neuer Dorfältester aufspielte. Sie schleppten Issa zu einem Baum und einer lief in seine Behausung, einen Strick zu holen. Bevor der Mann mit dem Strick wieder zurück war, riss Issa sich los und rannte weg und wenn er es später recht bedachte, rannte er fünf Jahre. Mehr als fünftausend Kilometer, zu Fuß das Dreifache, denn er nahm immer den Weg, der ihm am gefahrlosesten schien. Eher zufällig gelangte er nach Deutschland. Wenn er von seiner Flucht erzählte, zeichnete er Skizzen und die zeigten erstaunlich exakt die Länder, Flüsse und Grenzen, durch die er auf seinem langen Weg gekommen war. Man hätte sie in der Schule für den Geografieunterricht verwenden können.
Bei seiner Wanderung landete er ein paar Mal im Gefängnis, weil er etwas gestohlen hatte, manchmal auch vorbeugend, weil man verhindern wollte, dass er etwas stahl. Das mit dem Gefängnis erzählte er niemand, er vermutete zu Recht, das würde ihn in ein schräges Licht rücken.
Issa hatte seine Geschichte – bis auf die diversen Gefängnisaufenthalte – mehreren Flüchtlingen in der Turnhalle erzählt, wo sie die meiste Zeit des Tages zubrachten. Er hatte es auch den Leuten vom Bamf erzählt. Die verstanden ihn anfangs nicht, bis er endlich an einen geriet, der genug Englisch sprach, denn Issa sprach sehr gut Englisch. Die Leute vom Bamf hatten ihm bei den Interviews, so nennt man die Verhöre der Flüchtlinge, nicht geglaubt, hatten unverhohlen gelacht.
Der Mann vom Bamf hatte gesagt: »You are a liar, you tell us fantastic stories from Scheherazade. I think you know her.«
Issa schluckte hilflos, wollte aufbegehren, aber der Mann stand schon an der Tür, grinste belustigt, und Issa saß alleine am Tisch.
Jetzt schickten sie ihn zurück nach Kabul, wo die Familie des getöteten Warlords, dessen Söhne, auf ihn warteten. Deshalb war die Frau von der Flüchtlingshilfe hier, sie wollte es genau wissen. Sie nahm die Zeichnungen mit, die brauchte sie für eine Dokumentation, wie sie es nannte.
Wenn Issa in Kabul ankam, hatte er keine zwei Tage, dann hing er an einem Baum. Oder man erschlug ihn wie einen streunenden Köter, wie er den Warlord erschlagen hatte.
In Afghanistan denkt man recht simpel über Menschen, die in den Westen geflüchtet sind und irgendwann wieder zurückkommen. Wer in Deutschland war, hat mit Sicherheit Alkohol getrunken und darauf steht der Tod. Er hat unverschleierte Frauen gesehen, hat ihnen die Hand gegeben, weil das bei den Ungläubigen Sitte ist. Darauf steht für jeden frommen Moslem auch der Tod. Er hat Schweinefleisch gegessen, Hunde angefasst, unregelmäßig gebetet, ist in keine Moschee gegangen. Er hat sein Leben verwirkt. Mit etwas Glück hängen sie ihn auf, davon verstehen sie etwas, das ist ein schneller Tod. Hat er nicht so viel Glück, vergräbt man ihn bis zum Hals in der Erde und jeder Mann, der in den nächsten drei, vier Tagen vorbeikommt, darf ihm ins Gesicht pissen. Die Kinder werfen Steine nach seinem Kopf, bis endlich einer so etwas wie Mitleid hat und ihm mit einer Ladung Schrot den Kopf wegschießt, oder ihm mit einem Knüppel den Schädel zertrümmert. Das ist fast genauso human wie der Strick, zumindest humaner, als sich mehrere Tage in der grellen Sonne ins Gesicht pissen zu lassen.
Issas Geschichte, seine Beichte besser gesagt, war der letzte Anstoß für Hashims Flucht. Nach Syrien zurück, das durfte er nicht, er musste raus aus dem Heim. Er hatte eine Aufgabe zu erfüllen, der Imam hatte es ihm befohlen.
Das erzählten die Männer aus dem Lager der Frau von der Flüchtlingshilfe und sie schrieb es auf. Sie nahm auch die Zeichnungen mit, Issas Bildersprache. Was sie damit machen wollte, wusste niemand.


Der Fahnder
ein Mensch verschwindet ***
Walther Sembach zog die oberste Schublade seines Schreibtisches auf und holte ein Wasserglas und eine Flasche Whisky heraus. Er goss das Glas gut halb voll, gab einen Schuss Wasser hinzu und nahm einen kräftigen Schluck. Kurz nach neun, zeit in seine Pension zu gehen. Es spielte keine Rolle, wo er schlief. Niemand erwartete ihn in seiner Wohnung in Köln, niemand hier. Nur die Flasche. Sonst kein Unterschied.
Wie kann ein Mensch sich in Luft auflösen? Zum gefühlt hunderttausendsten Mal klickte er sich durch die Bildergalerie auf dem Computer. Struppige dunkle Haare, verwilderter schwarzer Bart, naiver Blick. Doch Terrorist, nicht naiv? Ein Bild zeigte den Mann mit einer Pudelmütze, die ihn harmlos wie einen großen Jungen aussehen ließ. Erst mussten sie ihn haben und dann herausfinden, ob er ein Terrorist war. Er sah sein eigenes Spiegelbild auf dem Bildschirm. Auch nicht besser als der dunkelhaarige Mann auf den Fahndungsfotos. Das Hemd offen, die Haare über den Kragen gewachsen, ungekämmt, seit Tagen unrasiert. Nicht dunkelhaarig wie der Mann aus dem Flüchtlingsheim, grau mit Restbeständen blond. Er besaß nur eine Krawatte, morgen würde er sie umbinden müssen. Rasieren wollte er sich nicht – aus Prinzip. Oder Protest.
Die Sondereinheit war so geheim, dass er bei ihren Brainstormings seine wenigen Mitarbeiter gelegentlich mit dem Satz beglückte: Von unserer Existenz wissen nicht mal wir selber. Nach dem zweiten oder dritten Whisky ließ er diesen Satz fallen. Wie ein Glaubensbekenntnis. Seine Assistentin Erika Holm trank selten etwas, was mehr Alkohol als eine Flasche 0,33-iger Bier enthielt. Als man die Einheit vor wenigen Wochen gründete, war Erika Holm seine einzige Mitarbeiterin. Sechs Techniker kamen noch dazu, aber Erika blieb seine engste Vertraute.
 Der Mann auf den Fotos, Hashim Haddad aus Damaskus, war nach den Unterlagen des Bamf fünfundzwanzig Jahre alt, Größe eins-fünfundsiebzig, schlank. Sofern das alles stimmte, und er nicht mit einem gefälschten Pass eingereist war. Oft genug war in den Datenbanken des Bamf nicht mal die Körpergröße korrekt. Hashims telefonische Kontakte zur Terrorszene waren keine Fälschungen, das waren Tatsachen. Wie auch seine Anrufe nach Damaskus zu Personen mit erwiesenermaßen terroristischem Background. Rückfragen bei der CIA hatten das bestätigt. Die Telefonkontakte in Deutschland, Belgien und Frankreich standen ebenfalls in Verdacht, terroristischen Hintergrund zu haben. Zugegeben – Verdacht. Da reichte ein falsches Wort am Handy, der Name eines Unkrautvernichters, und schon überwachte man die Anschlüsse. Ergaben sich keine weiteren Verdachtsmomente, es fielen keine verdächtigen Bemerkungen, wurden die Überwachungsmaßnahmen wieder eingestellt. Bis irgendwo eine Bombe hochging, bei deren Herstellung exakt dieser Unkrautvernichter verwendet worden war, und die Überwachung lief erneut an. In aller Regel war es zu spät, und auf dem Boden lagen Leichen und zerfetzte Körperteile.
Bei der Überwachung ging es selten um konkretes Wissen, zumeist war es lediglich eine Frage der Ausdauer und des Zeitfensters. Oder auch, wer die besseren Nerven hatte – Überwacher oder Terrorist.
Jetzt war der Mann wie vom Erdboden verschluckt, und das in einer Stadt mit nicht mal fünfzehntausend Einwohnern. Wo bei Sonnenuntergang die Bürgersteige hochgeklappt wurden, und auch tagsüber kaum mehr Betrieb war. Eine typisch niederrheinische Schlafstadt. Es gab einen Bauunternehmer, der seit Jahren an der Pleite entlang schlitterte, weil es nichts zu bauen gab, eine Hühnerfarm am Stadtrand, wo keine Hühner mehr gackerten und eine stillgelegte Molkerei. Die Abfüllanlagen hatte man demontiert, ein Paketzustelldienst nutzte die große Halle als Zwischenlager und Verteilerstation. Im Ort wohnten überwiegend alte Menschen und die wenigen, die noch im Arbeitsleben standen, fuhren nach Düsseldorf oder Krefeld. In der Innenstadt, eine irreführende Bezeichnung für wenige hundert Meter Fußgängerzone, gab es ein paar Kneipen mit typisch deutscher Küche wie Sauerbraten, gebratener Leber, Schweinshaxe – angereichert mit Sauerkraut. Ein chinesisches Lokal sorgte für ein wenig Exotik. Eine Sparkasse gab es und am Ende einer Querstraße eine Kirche. Die Glocke im Turm schlug alle Viertelstunde, als wollte sie die Bewohner daran erinnern, dass sie noch lebten. Die Gesamtschule sollte bald schließen, hieß es. Immer weniger Eltern meldeten ihre Kinder an, die Mütter zogen es vor, sie im Zweitwagen der Familie nach Krefeld oder Viersen zufahren.
Walther blickte nachdenklich auf die Pinnwand. Hashim Haddad war nicht mehr in der Gegend, es gab nur diese Erklärung. Er musste Helfer haben, die ihm über die verschlungenen arabischen und von keiner Polizei dieser Welt nachvollziehbaren Transferwege Geld geschickt hatten. Ein weiteres Indiz, dass er nicht sauber war. Viel wichtiger als Hashim selbst, waren seine Kontakte. Fand er Hashim, fand er das Netz, die Bastler der Splitterbomben, die Hersteller und Lieferanten der Sprengstoffe, die selten identifizierbare Leichen hinterließen, nur Berge aus Fleischfetzen und zersplitterten Knochen. Als hätte man die Toten durch einen Fleischwolf gedreht. Wie oft war er an Tatorten gewesen, hatte in den Resten nach Spuren gesucht. Er wusste nur zu gut, dass man pervers sein muss, um den Anblick zu ertragen, der nach Explosion einer Splitterbombe von einem Menschen bleibt. Ein normaler Mensch würgt, bis ihm seine Därme durch die Kehle kriechen und er daran zu ersticken droht. Nicht Walther Sembach.
In Kollegenkreisen in der Zentrale erzählte man sich viele Geschichten über ihn, und die meisten waren nicht freundlich gemeint. Es interessierte ihn nicht, was man über ihn sagte oder dachte.
Während seiner Zeit in Beirut und später in Damaskus bei den Inspektoren der UN, mit gelegentlichen Ausflügen nach Aleppo, Homs und Rakka oder wo sonst noch Bomben im Nahen Osten explodierten, hatte er sich anfangs über sich selbst gewundert. Er konnte die toten Kinder, ihre zerfetzten Körper, ohne Brechreiz ertragen. Seine Begleiter, Polizisten und Kollegen von den Geheimdiensten, taumelten halb besinnungslos zur Seite, kotzten sich die Seele aus dem Leib. Lass das unseren Metzger machen -, sagten sie, wenn sie am Ort eines Anschlages nur Berge menschlicher Fetzen und knöcheltiefe Tümpel aus Blut vorfanden. Nicht einmal Ratten blieben verschont, was Walther Sembach zu dem hinter vorgehaltener Hand heiß diskutierten Bemerkung verleitete: »Wir sind die Rattenjäger der UN.«
Blut und Knochensplitter waren beinahe angenehm verglichen mit Giftgasopfern. Besonders der Anblick der toten Kinder. Wie schlafend lagen sie auf dem Boden, trugen ein glückliches Lächeln im Gesicht. Als wären sie froh, das Inferno Syrien und Irak, Palästina, die Martyrien dieser Welt mit dem verklärenden Namen Blauer Planet hinter sich zu lassen.
Walther Sembach war anders. Anders geworden, muss man fairerweise sagen. Wohl deshalb hatte er keine Familie, keine dauerhafte Beziehung, nicht mehr. Gelegentlich fuhr er in Köln im Schritttempo durch die anrüchigen Stadtviertel, sah die Huren in den Hauseingängen, ihre abgestorbenen Gesichter. Aus seiner langsamen Fahrweise meinten sie, Interesse ableiten zu können, und kamen provozierend mit dem Hintern wackelnd zum Bordstein.
Er hielt nicht an, empfand zu viel Mitleid mit ihnen, war an die Toten in Bagdad, Homs und Aleppo erinnert. Die hatten es hinter sich, die Frauen am Straßenrand, verharmlosend Bordsteinschwalben genannt, noch vor sich. Schwalben stimmte beinahe, nur hatte diesen Schwalben das Leben die Flügel gebrochen. In den seltenen Phasen selbstkritischer Betrachtung überlegte er, was ihn von den Bombenbastlern unterschied. Nur seine staatliche Krankenkasse und der Pensionsanspruch – mehr nicht. Wobei das mit der Pension eine zwiespältige Sache war. Griff er mit seiner von keiner Dienstanweisung gedeckten Arbeitsweise zu oft ins Klo, konnte er seine Pension zusammen mit seiner Scheiße durch den Abfluss spülen. Oft genug war es nahe daran. Er war erfolgreich. Nur fand man seine Methoden in keinem Lehrbuch, abgehakt und für gut befunden von Psychologen und Forensikern mit Hochschulabschluss. Das war sein Problem, deshalb wurden seine Erfolge in aller Regel totgeschwiegen, durften lediglich die Erfolgsquote schönen.
Er stand auf und trat zur Pinnwand, zu seinem Fall. Den Computern misstraute er, den Datenbanken und der Analysesoftware, er hatte seine eigenen Methoden. Ein Computerbildschirm zeigt nur einen winzigen Ausschnitt der Operation, hier sah er die gesamte Ermittlung. Auf der zwei mal vier Meter großen Pinnwand aus Pappkartons, provisorisch und nur für die Dauer der Ermittlungen mit Klebestreifen und Stecknadeln zusammengehalten, hatte er alles auf einen Blick. Die Computerdaten waren nicht sicher. Heutigentags war es einfach, in fremde Computer einzudringen und Daten abzugreifen. Oft gab er selbst entsprechende Aufträge. Ohne richterlichen Beschluss, dafür war meistens keine Zeit. Bis er nachts einen Richter aus dem Bett getrommelt hatte, um dem Gesetz zu entsprechen, war die Chance zum digitalen Einbruch möglicherweise vertan und irgendwo auf der Welt ging eine Bombe hoch und hinterließ Fleischfetzen bis an die Decke und ein See aus Blut. Wenn drei Menschen von einer Nagelbombe zerrissen werden, schwappen rund anderthalb Wassereimer Blut über den Boden.
An der Pinnwand hingen Fotos in unterschiedlichen Formaten, die hatte er auch im Computer gespeichert. Neben den Fotos hingen Lageskizzen, kaum zu entziffernde Notizen und kryptische Hieroglyphen, deren Bedeutung nur er selber und Erika kannten. Die waren nicht im Computer gespeichert. Neben der Pinnwand hing ein Plan der Stadt und der näheren Umgebung, Radius etwa vierzig Kilometer. Darauf Fähnchen, wo man Telefonate geortet hatte, verdächtige Personen gesehen hatte. Rot umrandet das Zentrum der Stadt, drei mal fünf Kilometer, circa 13.500 Einwohner. Es wurden immer weniger.
Auf den Schreibtischen lagen Berge Akten und Papier und vermittelten den Eindruck, alles sei Abfall und für den Reißwolf bestimmt. Das täuschte, in der Unordnung steckte ein unsichtbares System, nur ihm und seinen Mitarbeitern vertraut. Unordnung und Chaos kann den gleichen Zweck erfüllen, wie die elektronische Verschlüsselung eines Computers.
Er stand vor der Pinnwand und folgte den Gedankengängen, nach denen er die Fotos und Notizen an die Wand geheftet hatte. Ein Foto hing falsch, das vom Imam. Er nahm es von der Wand und heftete es neben das Foto von Hashim Haddad. Da musste es eine Verbindung geben, das sagte ihm sein Instinkt.
Morgen war eine Besprechung in Düsseldorf angesetzt, große Lage genannt. Er nannte es großes Palaver. Selten kam mehr als Magenschmerzen von zu viel schlechtem Kaffee dabei heraus. Vom BKA aus Wiesbaden rückten sie an, vom BfV, Bundesamt für Verfassungsschutz, aus Köln, VS im Mitarbeiterjargon genannt. Hosen runter, Farbe bekennen, war das Motto des Tages, berichten, was er erreicht hatte. Damit hatte sich die Pinnwand erledigt, weil er nichts erreicht hatte, weil man ihn nicht so agieren ließ, wie er es für richtig hielt. Seine Methoden passten nicht zu ihren Vorstellungen, die Pinnwand am wenigsten, erinnerte die Dienststellenleiter, seine Häuptlinge im Amt an die Höhlenmalereien der Neandertaler. Das hatte ihm mal eine Sekretärin gesteckt. Partnerdienste von jenseits des Atlantiks und aus Paris hatten sich angesagt. Wie verkauft man Erfolglosigkeit hochrangigen Vertretern der CIA als Erfolg?
Er schenkte sich ein zweites Glas Whisky ein, trank in winzigen Schlucken, ohne das Glas von den Lippen zu nehmen. Manchmal regte er seine grauen Zellen damit an, meistens betäubte er sie. Betäuben ja, Erinnerungen an andere, halb vergessene Ereignisse in seiner schmutzigen Vergangenheit. Der Gedanke an die Besprechung war anders nicht zu ertragen, redete er sich ein.
Aus dem Seitenfach seiner Aktentasche zog er einen dünnen Aktendeckel und schlug ihn auf. Mehrere Zeichnungen, das Gesicht einer Frau aus unterschiedlichen Perspektiven. Große melancholische Augen, lange gekrauste Haare. Er nahm einen Bleistift aus der Schublade und strichelte den Mund, die vollen Lippen. Das war der schwerste Part. Er ließ es, war nicht in der rechten Stimmung. Die kurze Narbe an der Schulter, die fehlte noch, die war einfacher als Augen und Lippen. Wollte er sich motivieren, suchte er ein anderes Bild heraus, eins mit fertigen und auch gut gelungenen Lippen, dafür mit toten Augen. In einem Anfall von Frust über seine Unfähigkeit, den melancholischen Ausdruck der Augen zeichnen zu können, hatte er eine Zeichnung mit einem breiten, roten Filzstift durchgekreuzt.
Er blätterte bis zu einer Zeichnung, bei der ihm alles gelungen war, auch die Augen. Mehrmals war er nahe daran, den Namen Aisha darunter zu schreiben. Er unterließ es. Dazu hatte er nicht mehr das Recht.
Mit zitternder Hand, das Glas Whisky in der linken, strichelte er die Narbe.

Von der Tür hörte Walther Sembach ein rhythmisches tok – tok. Er klappte den Aktendeckel mit den Zeichnungen zu und steckte ihn zurück in die Aktentasche. Das Schloss knirschte, die Tür wurde aufgeschoben. Sie klemmte, zwischen Türrahmen und dem Betonboden saß etwas fest. Der Boden bestand aus rauem Beton, nur unter den Schreibtischen lagen lose Platten aus Linoleum. Gestank von Schmierstoffen und Benzin hing im Putz der Wände und übertünchte jeden anderen Geruch. Früher war es eine Autowerkstatt, bis der Besitzer pleite ging.
»Immer noch hier?«
Sie sah ihn strafend an. »Auch Monster wie du brauchen gelegentlich Ruhe und etwas Schmiermittel, Essen genannt.«
Erika war hochgewachsen, schlank, herb attraktiv. Ihre blonden Haare hatte sie zu einem unzeitgemäßen Dutt zusammengedreht. An ihr sah er sehr weiblich aus, keinesfalls alt-jüngferlich.
»Willst du den Syrer im Alleingang fangen? Was hältst du von einer Portion Bratwurst und ein paar Bier? So was wird’s in diesem lausigen Nest auch um diese Tageszeit ja wohl noch geben.«
Als hätte er sie nicht gehört, starrte er weiter auf die Pinnwand.
»Die Lösung hängt an der Wand, ich weiß es, ich sehe sie nur nicht. Sie starrt mich an, grinst, verarscht mich.«
»Dein leerer Magen verarscht dich«, sagte Erika.
Sie trat neben ihn und betrachtete mit schief gelegtem Kopf die Pinnwand, die Bilder, die Schmierzettel mit den krakeligen Hieroglyphen.
»Mich starrt niemand an. Nur mein Magen knurrt mich an.«
»Hat Rolf was über den Imam rausgefunden?«
Sie zuckte die Achseln. »Nur was für jeden Imam gilt: Allah ist der Größte, nichts gibt es neben ihm, über ihm schon gar nicht, keine Regierung, keine Justiz, kein Strafgesetzbuch.«
»Militant?«
»Und wie! Was er auch seinen Schäfchen im Flüchtlingsheim predigt. Abraham aus dem Alten Testament war der erste Imam, und er ist sein Nachfolger auf Erden, er bestimmt wo’s langgeht. Wenn er ins Heim kommt, sitzen sie wie die Jünger Jesu auf dem Boden um ihn herum, und er erzählt ihnen, was sie gefälligst zu denken haben. Hani Koury-Amari ist sein Name, Iraner.«
»Eine militante Ausgabe.«
»Erstaunlich nur, dass die Verwaltung ihn ins Heim lässt, damit er da seinen Unsinn verbreiten kann. Der Mann stiftet Unruhe, Auflehnung und Aggression. Er wohnt ganz in der Nähe des Heims und manchmal gehen Flüchtlinge in kleinen Gruppen zu ihm nach Hause. Im Flüchtlingsheim laufen Videokameras, in jeder Steckdose sitzen Mikros, in jedem Lichtschalter. Wir wissen, was er predigt. Was sich bei ihm zu Hause tut, wissen wir nicht.«
»Ist das so kompliziert? Wir brauchen bei dem Mann im Wohnzimmer und auf dem Scheißhaus nur ein paar Mikros.«
Erika zuckte die Achseln. »Technisch kein Problem. Wir sollen die Privatsphäre des Imams respektieren, Anweisung von ganz oben. Keine Kameras, keine Mikros. Er hat wenig Anhänger im Heim. Wenn fünfzehn Männer regelmäßig zum Gebet kommen, ist das hochgegriffen. Wenn er sie zu sich nach Hause einlädt, kommen mehr, weil sie froh sind, dem Heim und der Turnhalle, dem Schlaf- und Aufenthaltsraum, ein paar Stunden zu entkommen.«
Sie ging zur Tür, nahm Walthers Parka vom Haken und warf sie ihm zu. Er machte keine Anstalten sie aufzufangen, und die Jacke fiel neben ihm auf den Boden.
»Verschwinden wir, hier stinkt’s nach Jauche und Benzin.«
Ergeben nickte Walther, hob seine Jacke auf und zog sie über.
»Morgen ist großes Palaver, und ich muss mein Nichtwissen den Strategen aus Köln und Wiesbaden als bahnbrechenden Erfolg verkaufen. Wie, weiß ich noch nicht.«
»Ich komme mit, dann sind wir zwei Nichtswisser und jeder bekommt nur einen halben Eimer Häme ab.«
Sie traten auf die Straße und Walther verschloss sorgfältig die Tür. Das fehlte noch, dass eine abenteuerlustige Jugendbande einbrach und sich über die Pinnwand hermachte, Räuber und Gendarm spielte. Das war seine Aufgabe, er war der Polizist, Hashim Haddad der Räuber. Oder Schlimmeres.
»Fahren wir?«, sagte Walther und zeigte auf den Dienstwagen, einen BMW 535 5-Türer.
»Laufen wir. Bewegung tut uns gut nach einem Tag im Benzindunst am Computer.«